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Dr. Juliane Kronen

Die Diplom-Kauffrau gründete 2011 gemeinsam mit zwei ehemaligen Kollegen die gemeinnützige innatura. Hier erzählt sie, warum sie diesen Weg gegangen ist und was sie immer noch antreibt. 

Juliane, du warst eine erfolgreiche Businessfrau, in der Wirtschaft und international bestens vernetzt. 
Warum hast du innatura gegründet?

Nach meiner Promotion 1993 kam ich als Associate zur Boston Consulting Group (BCG) und wurde 2001 Partnerin.
Ich war als Beraterin für internationale Unternehmen tätig und leitete internationale Teams, vor allem im Telekommunikationssektor. Zugleich war ich bei BCG für Social Impact Projekte zuständig und für die europäische „Women’s Initiative“, die zum Ziel hatte, den Anteil von Frauen in der Beratung dauerhaft zu erhöhen.

Beratungsunternehmen stiften einen Teil ihrer Beratungszeit pro bono – also ohne Vergütung - für Organisationen im sozialen Bereich. Daher hatte ich dort bereits Projekterfahrung und viele Kontakte. Soziales Engagement war mir auch durch mein Elternhaus in die Wiege gelegt. Meine Eltern führten ein mittelständisches Unternehmen für Schmierstoffe, und es war für sie selbstverständlich, auch gesellschaftlich Verantwortung zu übernehmen. Deshalb war der Schritt für mich zur Sozialunternehmerin nicht weit.

Und plötzlich waren da 200.000 Flaschen Shampoo - und eine Idee...

Das war 2009. Die Flaschen waren falsch etikettiert, und der Hersteller wollte sie an gemeinnützige Organisationen spenden. Bedingung war: Es muss innerhalb von zwei Tagen geschehen, die gesamte Menge musste komplett abgenommen werden mit der Zusage, dass die Produkte nicht auf dem Schwarzmarkt landen. Ich leitete damals ein Projekt auf Zypern und habe von Nikosia aus versucht, die Spende an soziale Einrichtungen zu übermitteln. Aber es war einfach zu viel, das konnte niemand unterbringen. Das Shampoo wurde entsorgt.

Da wurde mir klar: Es fehlt ein Mittler zwischen den Unternehmen, die spenden wollen, aber die Verteilung nicht übernehmen können, und den gemeinnützigen Organisationen, die die Produkte dringend benötigen, aber in überschaubaren Mengen. Das Zauberwort war: bedarfsgerecht. Schon aus meiner ehrenamtlichen Arbeit für die Right Livelihood Award Stiftung, die die sog. Alternativen Nobelpreise vergibt, wusste ich: Es ist genug für alle da, es ist nur falsch verteilt.

Eine Lösung mit königlichem Schirmherrn

Wir mussten die Welt zum Glück nicht neu erfinden, denn bei unseren Recherchen stießen wir auf In Kind Direct in Großbritannien, die unter der Schirmherrschaft des heutigen englischen Königs bereits seit 1996 Spenden an gemeinnützige Organisationen vermittelte und über entsprechende Erfahrung verfügte. In Kind Direct war die Blaupause für innatura, und der damalige Prince of Wales hat dann auch die Schirmherrschaft für uns übernommen und bis heute behalten. Das hat uns viele Türen geöffnet.

2011 gründeten wir die innatura als die bundesweite erste Vermittlungsplattform mit eigener Logistik zwischen Unternehmen, die ihre Produkte spenden wollen, und sozialen Organisationen. Mitte 2013 nahmen wir endlich den Betrieb auf. Inzwischen agieren wir im internationalen Verbund In Kind Direct International mit unseren Schwesterorganisationen In Kind Direct in Großbritannien, Dons Solidaires in Frankreich und diagonalis in Italien.

Die Idee hat nun ein großes Sachspendenlager ...

Es ist sogar das vierte, denn wir sind stetig stark gewachsen. Aktuell bieten wir auf 3.000 Quadratmetern eine Auswahl von mehr als 1.500 verschiedenen Produkten – von Akkuschrauber bis Zahnpasta. Die Organisationen können bei uns genau so viel bestellen, wie sie benötigen. Wie zum Beispiel familienanaloge Einrichtungen, die mehrfach im Monat Waschmittel in genau der Menge bestellen, die sie brauchen und unterbringen können. 

Sie verwenden die Produkte für den eigenen Betrieb oder die Versorgung der ihnen anvertrauten Menschen. Sie zahlen dafür eine geringe Vermittlungsgebühr anstelle des normalen Handelspreises und können die eingesparten Mittel für ihre eigentliche Arbeit verwenden – zum Beispiel für Mittagessen in Bioqualität oder therapeutische Zusatzangebote. Wir finanzieren aus den Vermittlungsgebühren unser Lager und unsere Geschäftsstelle, aber um weiter wachsen zu können sind wir auch auf Geldspenden angewiesen.

.. bewegt Millionen und Menschen – und was bewegt dich?

innatura sorgt dafür, dass diese Produkte da Nutzen stiften, wo sie dringend gebraucht werden: bei sozialen Einrichtungen, die eine so wichtige Säule unserer Gesellschaft sind. innatura gibt eine Antwort auf zwei große gesellschaftliche Anliegen: für mehr soziale Teilhabe und für Abfallvermeidung bzw. gegen Ressourcenverschwendung. Sagen wir es offen: Die Kehrseite unserer Wirtschaftsordnung ist der Überfluss - es wird mehr produziert als verkauft. 

innatura ist für Unternehmen eine äußerst attraktive Möglichkeit, auch diese Ressourcen für einen guten Zweck einzusetzen. Es motiviert mich sehr, dass wir eine Lösung für den gesamten sozialen Sektor anbieten können, also einen sehr großen Wirkungshebel haben. Die Universität zu Köln hat in einer Umfrage ermittelt, dass die von uns belieferten Einrichtungen mehr als 1 Million Menschen erreichen. Seit der Gründung haben wir Produkte im Wert von über 65 Millionen Euro vermittelt und Einsparungen von fast 57 Millionen Euro im sozialen Sektor erzielt, während über 6.200 Tonnen Abfall vermieden wurden. 

Und wir könnten noch viel mehr bewirken, wenn Sachspenden endlich von der Umsatzsteuer befreit würden. Denn: In Deutschland ist das Spenden für Unternehmen teurer ist als die Entsorgung. So werden wertvolle Ressourcen unnötig vernichtet. Absurdistan lässt grüßen. Doch das Wichtigste ist: Unsere Produkte erhalten eine zweite Chance, bewirken Gutes und spenden Freude! Die vielen positiven Rückmeldungen unserer Empfängerorganisationen spornen uns Tag für Tag an.

Wenn ich heute zurückblicke, war es wohl so: Ich habe nicht den Sinn gesucht, denn ich hatte einen tollen Job und habe gutes Geld verdient, sondern der Sinn hat mich gesucht. Ich habe in meinem Leben viel Erfolg gehabt, eine hervorragende Erziehung und Bildung genossen, Karriere gemacht. Es war und ist immer noch an der Zeit der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Und man hat im Leben nicht häufig die Möglichkeit, eine solche Wirkung für einen gesamten Sektor zu erreichen.

Und ohne das Engagement der Menschen dahinter ...

... wären wir längst nicht so erfolgreich. Gestartet sind wir zu dritt in einem Mini-Team. Und heute haben wir 17 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, die im Lager und in der Geschäftsstelle mit viel Herzblut die innatura-Idee voranbringen. Das ist großartig und dafür bin ich überaus dankbar!

innatura zeigt: Sozialunternehmen sind Innovationsmotoren.

Die Rolle von Sozialunternehmen wird immer noch unterschätzt. Dabei adressieren sie wichtige gesellschaftliche Themen und schaffen da Lösungen für Probleme, die weder For-Profit-Unternehmen noch der Staat allein lösen können. Und sie schaffen Arbeitsplätze und Mehrwert und sind einfach eine bedeutende wirtschaftliche Größe. Der gesamte Sektor der gemeinwohlorientierten Unternehmen in Deutschland ist so groß wie die gesamte Medien- oder Möbelbranche!

innatura hat den Anspruch selbstverständlicher Bestandteil nachhaltigen Wirtschaftens auf Empfänger- und Spenderseite zu sein. Wir zeigen jeden Tag, wie Ökologie und Ökonomie zum Nutzen der Gesellschaft Hand in Hand gehen können.

Mehr über Juliane, ihre Engagements zum Beispiel für den Alternativen Nobelpreis und die deutsch-amerikanischen Beziehungen und innatura erfahren Sie hier:

Frauenstadtplan Köln
Juliane Kronen Innatura: Sozial handeln. Nachhaltig wirtschaften. Gemeinsam. Bethmann Jahres-Lounge 2024.
Courage-Lounge: Da kann man sich doch nicht wegducken! März 2024.

Köln Alumni: Hier sprechen kluge Köpfe: Folge 7: Dr. Juliane Kronen – Von der Beraterin zur Sozialunternehmerin: Nachhaltigkeit als wirtschaftliche Leitlinie.
BAUM-Preisträgerin Juliane Kronen
Amerikahaus NRW Vorstand Juliane Kronen
Alternativer Nobelpreis Board Juliane KronenRTL Nachtjournal 08.03.2024


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