Home > Presse > Zwei Fliegen mit einer Klappe: Wie gemeinnützige Organisationen von industrieller Überproduktion profitieren können (Huffington Post, 08.10.2014)

Abschrift des Artikels „Zwei Fliegen mit einer Klappe: Wie gemeinnützige Organisationen von industrieller Überproduktion profitieren können“ aus der Huffington Post Deutschland vom 8. Oktober 2014.

Zwei Fliegen mit einer Klappe: Wie gemeinnützige Organisationen von industrieller Überproduktion profitieren können

Die Mitarbeiter des Schumaneck Kinderhauses bei Bonn tun ihr Möglichstes, um den Mädchen und Jungen, die ihre Herkunftsfamilien verlassen haben und nun in der durch Spenden finanzierten familienanlogen Einrichtung leben, ein liebevolles und von Sicherheit geprägtes Zuhause zu geben. Hier sollen die Kinder lernen, mit ihren zum Teil äußerst schmerzhaften Erinnerungen zu leben, anstatt von ihnen erdrückt zu werden. Es versteht sich von selbst, dass dementsprechend der weitaus größte Teil der Spendengelder, die an das Kinderhaus gehen, in dringend benötigte Therapieangebote aber auch in eine kreative und abwechslungsreiche Freizeitgestaltung sowie in Geburtstagsgeschenke für die Kinder, denen das Führen eines im besten Sinne „normalen“ Lebens ermöglicht werden soll, investiert wird.

Je günstiger das Toilettenpapier, desto mehr Geld für die therapeutische Arbeit

Und dennoch müssen monatlich beträchtliche Summe auch ganz profan dafür verwendet, den Betrieb der Einrichtung sicherzustellen, sprich für Wasch- und Reinigungsmittel, Hygieneartikel, Werkzeuge und Toilettenpapier.

Ähnlich sieht es bei Organisationen aus, die Obdachlose, Flüchtlinge und von der Armut betroffene Menschen unterstützen, sich des Umweltschutzes annehmen oder sich für eine bunte kulturelle Landschaft einsetzen. All diese gemeinnützigen Organisationen, Vereine und Stiftungen – und die Liste ist beliebig erweiterbar- haben Ziele, deren Sinnhaftigkeit einleuchtet und die sie mit großem Engagement verfolgen – und dennoch müssen immer wieder Spendengelder aufgewendet werden, um erst einmal den täglichen Betrieb sicherzustellen und den Bedarf an Grundmitteln zu decken.

Und dies, da ohnehin viele der gemeinnützigen Organisationen, von denen es einer von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Studie aus dem Jahr 1994 zufolge zum damaligen Zeitpunkt zwischen 240.000 und 280.000 in Deutschland gab, unter der fehlenden Planbarkeit im Hinblick auf Spendengelder leiden. Zwar steigt laut dem Bericht des deutschen Spendenrats die Spendenbereitschaft der Deutschen seit 2013 wieder. Allerdings geht die Mehrzahl dieser Gelder insbesondere an Opfer von großen Katastrophen wie beispielsweise der Flut in Deutschland oder des Taifuns Haiyan auf den Philippinen. Viele kleine Organisationen, die sich medial weniger präsenter, oftmals regionaler Probleme annehmen, können indes nicht von dem Anwachsen des Spendenaufkommens profitieren – sie haben nach wie vor Probleme, die benötigten finanziellen Ressourcen zu gewinnen.

Fabrikneue Waren im Wert von 3 Milliarden Euro werden vernichtet

Was wäre nun, wenn all diese Einrichtungen und Organisationen, die sich einem guten Zweck verschrieben haben, einen planbaren Zugang zu qualitativ hochwertigen Sachspenden aus der Überproduktion der Industrie bekämen? Denn auch das ist Realität in Deutschland: Jedes Jahr gehen, unter anderem aufgrund von Überschuss und Fehletikettierungen, fabrikneue Markenprodukte wie beispielsweise Wasch- und Reinigungsmittel, Hygieneartikel, Spielzeug, Textilwaren und Werkzeuge im Wert von ca. 3 Milliarden Euro vom Fließband in die Müllverbrennung. Und das in einer Zeit, da der Begriff Nachhaltigkeit buchstäblich in aller Munde ist und als „politisches und ökonomisches Modewort“ bereits Teil linguistischer Forschung wurde .

Eine Brücke zwischen Überfluss und Bedarf – utopisch?

Was wäre also, wenn man die Brücke schlüge zwischen Unternehmen, die Abnehmer für ihre überzähligen Produkte suchen, und gemeinnützigen Organisationen, die genau diese Produkte dringend benötigen? Sodass jede gemeinnützige Organisation in Deutschland – egal, ob groß oder klein, egal, ob sie über Lagerkapazitäten oder die räumliche Nähe zu einer Herstellerfirma verfügt – Zugriff auf genau jene Art von Sachspenden hätte, derer sie gerade bedarf und dazu noch in genau der Menge, die aktuell benötigt wird?
Man braucht keine überbordende Phantasie, um sich vorzustellen, was die Produkte, die andernorts vernichtet werden, in einer gemeinnützigen Einrichtung, wie beispielsweise dem Schumaneck Kinderhaus, bewirken könnten: Die Organisation könnte ganz anders planen und würde Teile ihres so dringend benötigten Budgets einsparen– seien es nun 20, 200 oder 2000 Euro. Geld, das um so vieles sinnvoller verwendet werden könnte als für Toilettenpapier. Dabei müsste sie, im skizzierten Idealfall, bei den Waren weder auf Qualität verzichten noch müsste sie das an Produkten nehmen, „was gerade weg muss“ und in der Menge, die gerade übrig ist. Stattdessen bestünde die Möglichkeit, ausschließlich die Produkte zu wählen, an denen es fehlt, und diese im gewünschten Umfang abzunehmen. Wie deutlich diese Möglichkeit wohltätige Organisationen entlasten würde – und das nicht nur in finanzieller Hinsicht – steht außer Frage.

Warum aber wirkt diese Idee so utopisch? Die Schuld bei den Unternehmen zu suchen, greift nicht: Viele Firmen in Deutschland sind durchaus gewillt, eine Vermittlung der fraglichen Produkte dorthin zu ermöglichen, wo sie dringend benötigt werden. Und das, obwohl es aufgrund der Umsatzsteuer, die die Unternehmen auch auf Spenden zahlen müssen, günstiger ist, die Überschusswaren zu vernichten als sie zu spenden. Das Problem ist vielmehr, dass es für die Vermittlung einer eigenen Logistik und Planung bedürfen würde – und dass Lagerkapazitäten blockiert werden würden, wenn Organisationen immer nur die Waren abnähmen, an denen aktuell Bedarf besteht. Insgesamt eine Herausforderung, der sich die Unternehmen nicht gewachsen sehen, auch wenn sie ebenfalls davon profitieren würden, die überschüssige Ware weiterzugeben. Schließlich sind Themen wie die soziale Verantwortung von Unternehmen sowie die Erreichung von Umweltzielen so aktuell wie nie.

Von der Theorie zur Praxis: In Kind Direct

Das Problem liegt auf der Hand: Es bedarf ganz offensichtlich eines Bindegliedes, das die logistische und personelle Lücke um das Einwerben und Weitervermitteln der Spenden schließt, Waren zwischenlagert und sicherstellt, dass diese ausschließlich einem guten Zweck zugeführt werden. Dass dieses Modell nicht rein theoretischer Natur ist, zeigt der Blick nach Großbritannien, wo der britische Thronfolger Prinz Charles 1996 die wohltätige Organisation In Kind Direct gründete. In Kind Direct verfolgt genau dieses Ziel: Überfluss und Bedarf miteinander in Einklang zu bringen. Und der Erfolg gibt der Organisation Recht: Seit der Gründung hat In Kind Direct Waren im Wert von mehr als 130 Millionen Pfund weitervermittelt. 6.700 gemeinnützige Organisationen haben Produkte erhalten und konnten so Millionen von bedürftigen Menschen helfen.

Seit 2013 ist in Deutschland eine Schwesterorganisation von In Kind Direct aktiv: Die innatura gGmbH, die Sachspenden von Unternehmen im großen Stil einsammelt, lagert und die Waren gegen eine geringe Vermittlungsgebühr an in Deutschland ansässige gemeinnützige Organisationen weitergibt. Profitieren konnte von dem in Deutschland neuen Konzept bereits unter anderem das eingangs erwähnte Schumaneck Kinderhaus: Mit dem Geld, das durch den Zugang zu Sachspenden eingespart wurde, wurden unter anderem Noten und Instrumente für ein eigenes Kinderorchester angeschafft. Die Musik soll den Schumaneck-Kindern helfen, zu einem besseren Selbsterleben zu finden und Ausdrucksmöglichkeiten jenseits der gesprochenen Sprache zu entdecken – und vor allen Dingen soll sie ihnen Lebensfreude bringen!

Huffington Post Deutschland, 08.10.2014

Hier kann der Artikel online nachgelesen werden