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Abschrift des Artikels „Shampoo für alle“ aus dem enorm Magazin vom Mai/Juni 2015

Shampoo für alle

In Deutschland ist es günstiger, Produkte mit kleinen Macken zu vernichten, als sie zu spenden. Ein Kölner Unternehmen kämpft gegen diesen Irrsinn.

TEXT Sara Lisa Schäubli FOTOS Annette Ettges

Der Anruf, der sie im Sommer 2014 erreicht, ist selbst für Juliane Kronen nicht alltäglich. In der Leitung: ein Angestellter aus einem Schaumstoffwerk im Rheinland. Er wolle ihr Spülschwämme schenken. 10 000 Stück! Die seien im Auftrag bedruckt worden, jedoch in einem falschen Rotton, teilweise mit dem Logo auf der verkehrten Seite. Ansonsten einwandfrei. Ob Kronen nicht eine Verwendung für die Schwämme hätte?

Hat sie. Seit 2013 vermittelt Kronen, Gründerin und Geschäftsführerin der gemeinnützigen Innatura GmbH in Köln, Sachspenden an gemeinnützige Organisationen. Anrufe wie der aus dem Schaumstoffwerk sind ihr daher mehr als willkommen.Und so waschen seit über einem halben Jahr viele soziale Einrichtungen in ganz Deutschland ihr Geschirr mit falsch bedruckten Spülschwämmen. Ohne Innatura wären die Küchenhelfer auf dem Müll gelandet. Oder verbrannt worden.

Dahinter steckt eine verquere Logik der deutschen Steuergesetzgebung: Auf Sachspenden müssen Unternehmen 19 Prozent Umsatzsteuer zahlen – wie auf verkaufte Ware auch. Für die Hersteller von Spülschwämmen, Kosmetika, Bettwäsche und vielen anderen Produkten ist es demnach billiger, fehlerhafte Neuware zu entsorgen als sie einer sinnvollen Verwendung zukommen zu lassen.

„In Deutschland sind die Müllverbrennungsanlagen nicht ausgelastet“, sagt Juliane Kronen. „Wer gut verhandelt, kann eine Tonne Waren für unter 40 Euro ins Feuer werfen lassen.“ Trotzdem wären viele Unternehmen bereit, fehlerhafte Ware zu spenden. Nur: Für die Vermittlung der Produkte müsste eine eigene Logistik aufgebaut werden, außerdem würden Lagerkapazitäten blockiert.

Dass überhaupt Ausschüsse in großen Mengen anfallen, hat zahlreiche Ursachen. Bringt zum Beispiel ein Chemiekonzern Waschmittel für Sonderaktionen auf den Markt, steht bereits fest, an welchem Tag der Handel sie wieder vom Markt nehmen muss – ganz gleich, wie viele der Packungen noch in den Läden stehen. Befindet sich in Deos oder Shampoos wegen eines Fehlers im Abfüllgerät auch nur ein Tick zu wenig Inhalt in den Flaschen, darf die Ware nicht verkauft werden. Auch durch einen sogenannten harten Relaunch droht vielen einwandfreien Produkten ein Ende in der Müllverbrennungsanlage: Wenn ein Unternehmen zum Beispiel ein bestehendes Produkt mit neuem Logo auf den Markt bringt, sind die Händler angehalten, die „alte“ Ware über Nacht aus den Regalen zu räumen.

Juliane Kronen will diesen Irrsinn stoppen. Die Idee, dafür ein Unternehmen zu gründen, kam ihr wegen 200 000 falsch etikettierter Flaschen Shampoo. Ein Kollege bat Kronen, studierte Betriebswirtin und damals Beraterin für die Boston Consulting Group, um Hilfe bei der Suche nach einem Abnehmer für die Flaschen – sie engagierte sich damals ehrenamtlich für verschiedene Organisationen. Trotz unzähliger Telefonate blieb sie erfolglos. Weil niemand über Lagermöglichkeiten für eine derart große Spende verfügte, wanderten die Shampooflaschen letztlich in den Müll. Kronen ließ das Problem nicht los. Zusammen mit zwei Kollegen startete sie 2009 eine umfangreiche Recherche. Die Ergebnisse waren verstörend: Sie fanden heraus, dass in Deutschland jährlich Produkte im Wert von etwa sieben Milliarden Euro ungebraucht zu Abfall werden. Das entspricht im Schnitt 2,5 Prozent der produzierten Konsumgüter; je nach Branche gelangen zwischen 1,5 und 4 Prozent der Waren nicht in die Regale der Geschäfte. Den größten Schwund stellten Kronen und ihre Kollegen bei Hygieneartikeln, Medikamenten und Textilien fest.

Die Zahlen bestärkten Kronen und ihre Kollegen in ihrer Idee, etwas ändern zu wollen. Und dass gemeinnützige Einrichtungen solche vermeintlichen Ausschüsse nur allzu gut gebrauchen können, wusste Kronen, weil sie sich als Ehrenamtliche schon selbst engagiert hatte.

Seit der Gründung vor zwei Jahren hat Innatura bereits Waren in einem Wert von gut zwei Millionen Euro eingesammelt. Die Mitarbeiter übernehmen die komplette Logistik. Sie beauftragen das Transportunternehmen, das die Artikel abholt, nehmen die Lieferungen in der firmeneigenen Halle in Troisdorf bei Köln in Empfang und lagern sie dort ein.Von dort aus werden die Spenden an die gemeinnützigen Organisationen versandt.

Den laufenden Betrieb will das Unternehmen mit einer Vermittlungsgebühr finanzieren: Gemeinnützige Organisationen müssen für die Sachspenden zwischen fünf und 20 Prozent des Marktwertes der vermittelten Produkte bezahlen. Derzeit finanziert Innatura sich noch durch Gesellschafterdarlehen. Im Laufe dieses Jahres aber sollen die Vermittlungsgebühren schon alle Kosten für Transport, Lager, Verpackung und Versand sowie den Betrieb der Online-Plattform decken.

Der Internetauftritt ist Knotenpunkt zwischen Innatura und den gemeinnützigen Organisationen. Wer sich dort als Spendenempfänger registrieren will, muss einen gültigen Freistellungsbescheid vorweisen. können, wie ihn das Finanzamt erteilt. Der Bescheid zeigt an, dass eine Körperschaft gemeinnützig und demzufolge steuerbegünstigt ist. Nach der Registrierung steht den Mitgliedern dann ein umfangreicher Online-Shop mit über 1000 verschiedenen Produkten offen – vom Akkuschrauber bis zur Zahnbürste ist hier alles Mögliche zu finden.

Zu den Abnehmern der Waren zählen inzwischen 500 gemeinnützige Organisationen, rund ein Drittel von ihnen bestellt regelmäßig. Es sind vor allem operativ tätige Wohneinrichtungen wie zum Beispiel Kinder- und Jugendheime. Diese benötigen vorwiegend die „Big Five“, wie Juliane Kronen sie nennt: Haushalts-, Körper- und Zahnpflegeprodukte, Windeln und Bettwäsche. Solche Dinge sind schnell verbraucht und fressen oftmals große Teile des Budgets. „Wir wollen, dass die NGOs Mittel frei haben, um ihren eigentlichen Zweck besser finanzieren zu können“, sagt Kronen. „Vor allem Waschmittel und Bettwäsche können wir eigentlich gar nicht genug kriegen.“

Ein Unternehmen, das Bettwäsche spendet, ist der Textilhersteller Formesse aus dem schwäbischen Löffingen. Aktuell stellt das Unternehmen 1500 Matratzenschonbezüge zur Verfügung, die kleine, kaum sichtbare Mängel aufweisen. „Wir spenden aus Überzeugung“, sagt Geschäftsführer Matthias Jaschke. „Uns ist es wichtig, etwas zu bewirken statt zu entsorgen.“ Für die Hersteller nimmt Innatura auch eine Beraterfunktion ein. In Zusammenarbeit mit den Unternehmen werden alle Posten entlang der Wertschöpfungskette ermittelt, an denen Ausschüsse entstehen können. „Ziel muss es sein, dass Spenden nicht ein Ausnahmefall bleibt, sondern als Regelprozess in die Abläufe integriert wird“, sagt Kronen. Nur so könne auf längere Sicht ein nachhaltigeres Wirtschaften ermöglicht werden. Kronen ist es dabei wichtig, kein Feindbild aufzubauen: „Unternehmen sind nicht böse und vernichten Produkte aus Spaß“, sagt sie. „Sie sind grundsätzlich bereit, etwas Gutes zu tun.“ Insgesamt haben sich bereits mehr als 200 Unternehmen für die Weitergabe ihrer Produkte als Sachspenden an Innatura entschieden. Händler wie die Drogeriemarkt- Kette dm oder der Onlineshop Amazon zählen zu den Hauptgebern.

Größter Spender ist derzeit Beiersdorf mit seinen Marken Nivea, Eucerin oder Hansaplast. „Mittlerweile spenden wir ein bis zwei Sendungen pro Monat“, sagt Manuela Rousseau, CSR-Leiterin Headquarters von Beiersdorf in Hamburg. „Wir nehmenes in Kauf, dass das Spenden von Produkten teurer ist, als die Ware zu vernichten.“Mit Innatura habe sich für Beiersdorf einneuer Weg aufgetan. „Sinnvoll verwenden– statt verschwenden“ laute nun eine Strategie im Unternehmen.

Was Juliane Kronen überdies am Herzen liegt: Nicht allein die Unternehmen,sondern auch die Verbraucher tragen ihrenTeil zum Überschussproblem bei. „Die Konsumenten wollen zum Beispiel auch im Dezember eine große Auswahl an Sonnenmilch für ihren Urlaub in Südafrika.“ Die ständig hohe Nachfrage führe dazu, dass Hersteller nicht nur in den Sommermonaten Sonnenmilch anbieten, sondern das ganze Jahr über. Darum produzieren sie auch mehr Waren – und somit mehr Ausschuss. Mit Innatura, so hofft Kronen, kann sie vielleicht auch bei den Verbrauchern mehr Aufmerksamkeit für einen bewussteren Konsum schaffen.

enorm Magazin Ausgabe 02 Mai/Juni 2015, S. 58ff.