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innatura-Geschäftsführerin Juliane Kronen hat einen Beitrag im europäischen Magazin The Progressive Post veröffentlicht. Das Magazin erscheint in deutscher sowie in englischer Sprache. Hier die Abschrift der deutschen Version:

ÜBERFLUSS STIFTET SOZIALEN NUTZEN
Von Juliane Kronen

Jahr für Jahr werden fabrikneue Konsumgüter im Wert von mehreren Milliarden Euro entsorgt. Dabei macht das Steuerrecht in vielen Ländern das Spenden teurer als die Entsorgung.

Ob Lebensmittel und alltägliche Verbrauchsgüter oder Gebrauchsgüter – Verbraucher haben täglich ein riesiges Warensortiment zur Auswahl. Die Verschwendung von Lebensmitteln wird
dabei schon seit längerem angeprangert, aber wenig ist über die Kehrseite des Konsums im Nonfood-Bereich bekannt: Jahr für Jahr kommen neuwertige Konsumgüter im Wert von mehreren Milliarden Euro in Europa nicht in den Handel, obwohl sie einwandfrei verwendbar sind, sondern werden ungenutzt entsorgt. Es gibt viele Gründe, weshalb Konsumgüter nicht verkauft werden: Fehletikettierungen, beschädigte Verpackungen, falsche Füllmengen, Produkte, die als Saisonartikel oder Werbeartikel hergestellt wurden, und schlichtweg Überproduktion.

Alleine in Deutschland landen nach Einschätzung von Experten Konsumgüter im Wert von mehr als 7 Milliarden Euro jährlich auf dem Müll. Dabei ist nach einer Studie der Boston Consulting Group (BCG, 2010) ein Drittel dieser Güter im Wert von mehr als 2 Milliarden Euro einwandfrei verwendbar – Waren, die im sozialen Sektor dringend benötigt werden.

Verteilung von Spenden an Gemeinnützige statt Entsorgung

Es ist zugleich naheliegend und neu, überflüssige Waren, denen die Entsorgung droht, an den sozialen Sektor zu spenden und so Überfluß in sozialen Nutzen zu verwandeln. Genau darum kümmern sich Sozialunternehmen in verschiedenen europäischen Ländern. In Deutschland schlägt die gemeinnützige innatura GmbH seit 2013 die Brücke zwischen Herstellern, die diese Waren spenden wollen, und dem sozialen Sektor. Das „charity-to-charity“-Modell hat eine große Hebelwirkung: anstelle der Entsorgung stärken Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten und stiften sozialen Nutzen; die Empfänger profitieren von fabrikneuen, hochwertigen Sachspenden, die sie bedarfsgerecht bestellen können und ins Haus geliefert bekommen.

Rund 2.000 gemeinnützige Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, der Obdachlosen- und Flüchtlingshilfe sind bei innatura registriert. Sie haben eine große Auswahl an Produkten – Kinderspielzeug, Werkzeuge, Artikel für die tägliche Hygiene, Reinigungs- und Waschmittel, Bettwaren, Babyartikel bis hin zu Elektrogeräten und Schreibmaterial. Die Empfänger, deren Gemeinnützigkeit qualitätsgesichert wird, zahlen dafür eine geringe Vermittlungsgebühr von 5 bis 20 Prozent des Marktpreises. Aus dieser Gebühr finanziert innatura Lager und Personal. Als Nonprofitunternehmen arbeitet innatura nicht gewinnorientiert.

Ein internationales Netzwerk für die Produktphilantropie

Die deutsche innatura hat ein internationales Vorbild: In Kind Direct in Großbritannien, ein 1997 von Prince Charles gegründetes Sozialunternehmen, ist Gründer des internationalen In Kind Direct-Netzwerks, dem innatura in Deutschland und Dons Solidaires in Frankreich angehören und das die Theorie und Praxis der Produktphilantropie weiterentwickelt. Diesen drei Charities haben mehr als 1.300 Unternehmen Waren im Wert von mehr als 300 Millionen Euro anvertraut, die an mehr als 8.000 gemeinnützige Organisationen verteilt wurden.

Insgesamt wurden so 25.000 Tonnen fabrikneue, aber überflüssige Güter vor der Entsorgung bewahrt. Im IKD-Netzwerk tauschen sich die Mitglieder regelmäßig aus, um voneinander zu lernen, Spenden zu teilen, und so den Nutzen für die Empfängerorganisationen und die ihnen anvertrauten bedürftigen Menschen zu steigern.

Es gibt noch viel zu tun

Indem überschüssige Waren an soziale Einrichtungen gespendet werden, wird Müll vermieden, und oft ist die Entsorgung solcher Produkte problematischer als die Entsorgung von Lebensmitteln. Die Spenderunternehmen verbessern so ihr Ressourcenmanagement, die gemeinnützigen Organisationen erhalten wertvolle Unterstützung, indem sie ihre Budgets entlasten und sich auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren können.

  • Um sozialen und Umweltnutzen zu steigern, sind folgende Maßnahmen notwendig:
  • Konsumgüterhersteller sollten mehr über die Möglichkeit erfahren, ihre überflüssigen Artikel an den sozialen Sektor zu spenden, indem sie mit einem zuverlässigen Partner zusammenarbeiten, der die Verteilung übernimmt und der auch dafür sorgt, dass ihre Marken geschützt und die Waren nicht auf dem Schwarzmarkt oder missbräuchlich verkauft werden.
  • Soziale Einrichtungen könnten ihre Mittel besser einsetzen, wenn sie mehr Sachspenden einsetzen würden, und zwar in der Art und Menge, die sie tätsächlich benötigen, für eine kleine Gebühr anstelle der herkömmlichen Marktpreise.
  • Das Steuerrecht hält Unternehmen in vielen Ländern davon ab zu spenden. Während Lebensmittelspenden inzwischen meist von der Umsatzsteuer ausgenommen wurden, sind Sachspenden in vielen Ländern teurer als die Entsorgung. In Deutschland etwa muss ein Unternehmen die volle Umsatzsteuer auf Sachspenden (Ausnahme: nicht mehr marktfähige Produkte) entrichten, während die Entsorgung als Betriebsausgabe steuerlich absetzbar und damit erheblich günstiger ist. Das EU-Parlament kann hier entscheidende Weichen stellen, in dem es die Produktphilantropie in allen Mitgliedsstaaten durch entsprechende Gesetzgebung unterstützt.
  • Charity-to-charity-Modelle sind von nahezu allen finanziellen Förderungen ausgeschlossen, da sie nicht direkt mit Bedürftigen arbeiten. Dabei steigern diese Modelle die Effizienz und Effektivität im sozialen Sektor erheblich und haben eine große Hebelwirkung beim Einsatz von Steuergeldern und Spenden. Öffentliche wie private Geldgeber sollten deshalb Charity-to-charity-Modelle mit in die Förderung einbeziehen.